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Eins gleich vorweg: Achtsamkeit hat jede Menge Nebenwirkungen! Doch welche sind das, und sind sie unbedingt negativ? Diesen Fragen gehe ich in diesem Beitrag nach.

Das Phänomen Achtsamkeit ist mit voller Wucht im Mainstream angekommen. Jeder meditiert oder macht Yoga. Es wird achtsam gekocht und gegessen. Die Kinder werden natürlich auch ganz achtsam großgezogen. Gestresste Manger entspannen sich mit Achtsamkeitsübungen.  Man kommt nicht um sie herum, um diese Achtsamkeit. Das nervt bisweilen und drängt die Frage auf, ob das wirklich alles so großartig ist wie es scheint.

Achtsamkeit hat jede Menge Nebenwirkungen!

Bevor ich versuche Antworten auf die Frage nach (negativen) Nebenwirkungen von Achtsamkeit zu finden, macht es Sinn zu klären, was Achtsamkeit eigentlich ist. Die Definition nach Jon Kabat-Zinn lautet wie folgt: „Achtsamkeit bedeutet: Auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein, bewusst, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen“. Achtsamkeit und Meditation sind absichtslos und verfolgen kein bestimmtes Ziel. Es geht einfach nur darum, das wahrzunehmen, was gerade ist und nicht sofort reaktiv zu handeln. That’s it. Hier liegt eines der größten Missverständnisse. Achtsamkeit ist keine Entspannungsübung, auch kein Mittel zur Flucht vor der Realität, keine Technik zur Erfahrung von übersinnlichen Phänomenen. Somit kann man alle Wirkungen der Achtsamkeit als Nebenwirkungen bezeichnen. Die bekanntesten Nebenwirkungen sind Entspannung, besserer Umgang mit stressigen Situationen, Gedanken, und vermehrte Lebensfreude. Was viele nicht wissen ist, dass Achtsamkeit und Meditation auch sehr anstrengend sein können und gerade für Anfänger erstmal zu vermehrtem Stress führen können. Die Stille, das Nichts-Tun und die Begegnung mit sich selbst fühlen sich eben nicht immer wie ein Spaziergang am Strand an.

Fakt ist, dass die regelmäßige Achtsamkeitspraxis zur Symptomreduktion von körperlichen und psychischen Erkrankungen wie Krebserkrankungen, Herz-Gefäßerkrankungen, chronischen Schmerzen, Depressionen und Angststörungen führen kann. Außerdem trägt sie positiv zur Gesundheitsprävention bei gesunden Erwachsenen und Kindern bei. Das hat eine Metaanalyse von 115 Studien aus dem Jahr 2015 ergeben1. Andere Studien ergaben, dass Achtsamkeit zu einem verstärkten Selbstvertrauen und vermehrter Empathie führen kann, da man lernt, Gefühlen, Intuitionen und dem eigenen Gespür für Situationen und andere Menschen mehr zu vertrauen2.

So weit, so gut. Doch wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, oder? Nach dem hype der letzten Jahre rund um das Wundermittel Achtsamkeit befassen sich Wissenschaftler berechtigterweise nun auch mit der Frage nach negativen Wirkungen der Achtsamkeitspraxis. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2017 zeigte, dass 23,4% der 342 befragten Meditierenden schon einmal während der Meditation unter Angstzuständen gelitten haben und 16, 6% unter depressiven Verstimmungen. Einige wenige berichteten von körperlichem Unwohlsein (Kopf-, Rücken- und Magenschmerzen) sowie Depersonalisation und Derealisation3. Der Großteil der Symptome bestand nur vorübergehend und führte, bis auf wenige Ausnahmen, nicht zum Abbruch der Meditation oder zur ärztlichen Behandlung. Interessant finde ich, dass die meisten Symptome dann auftraten, wenn allein und länger als 20 Minuten meditiert wurde.

Als Zwischenfazit lässt sich also sagen, dass die positiven Wirkungen von Achtsamkeit auf Gesundheit und Wohlbefinden sehr gut erforscht und wissenschaftlich belegt sind. MBSR & MBCT 4 sind erwiesenermaßen effektive Methoden, die zur Stressreduktion und Symptomreduzierung bei Depressionen und Angststörungen führen. Allerdings berichten erste Studien, die sich mit den möglichen Schattenseiten der Achtsamkeit auseinandersetzen, dass es auch unerwünschte Nebenwirkungen geben kann. Die Ergebnisse zeigen, dass es gerade für Anfänger wichtig, sich qualifizierte Unterstützung beim Einstieg in die Achtsamkeits- und Meditationspraxis zu holen, statt ins Blaue los zu meditieren. Menschen mit psychischen Vorerkrankungen sollten auf jeden Fall einen Arzt oder Therapeuten konsultieren, bevor sie in die Achtsamkeitspraxis einsteigen.

Hat Achtsamkeit auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen?

Wir haben also einen Blick auf die individuellen Auswirkungen von Achtsamkeit geworfen. Doch wie sieht es mit den Auswirkungen auf die Gesellschaft aus? Eine aktuelle Studie hat sich mit der Frage befasst, inwieweit Achtsamkeit eine schwächende Wirkung auf die moralische Urteilskraft hat5.  In der Studie wurden Studierende, die generell Fleisch essen, in zwei Gruppen geteilt. Die eine machte vor der Befragung eine Übung zur Achtsamkeit, die andere nicht. Danach wurde beiden Gruppen jeweils ein Video zur Fleischproduktion, inklusive Tierleid, gezeigt. Die Forscher haben die beiden Gruppen dann gefragt: Wie groß ist euer schlechtes Gewissen? Und wie groß eure Bereitschaft, den Fleischkonsum einzustellen bzw. zu reduzieren?

Das Ergebnis: Die Leute mit absolvierter Achtsamkeitsübung hatten eine geringere Motivation, ihren Fleischkonsum zu überdenken. Die Leiter der Studie kamen zu dem Fazit, dass, wenn der entsprechende Werteunterunterbau bei dem Einzelnen fehlt, kann Achtsamkeit für alle möglichen Zwecke genutzt werden, die nicht unbedingt hilfreich für die Gesellschaft sein müssen. Zum Beispiel könnte das Militär Interesse daran haben, ihre Scharfschützen mit Achtsamkeitstraining zu schuldgefühlbefreiten Superwaffen zu machen. Die Studie erhielt einige Aufmerksamkeit in Funk und Fernsehen, und es wurde regelmäßig die Frage gestellt, ob Achtsamkeit womöglich auch dem Bösen dabei hilft, seine dunklen Geschäfte stressfreier, gelassener und von Gewissensbissen unangefochtener zu betreiben.

Diese Fragen sind meiner Meinung nach unglaublich wichtig und müssen gestellt werden. Ehrlich gesagt, habe ich mir diese Fragen zu Beginn meiner Ausbildung zur MBSR-Lehrerin auch gestellt. Möchte ich Führungskräften bei der Stressbewältigung helfen, damit sie anschließend wieder die Kraft haben, um noch mehr aus sich, der Belegschaft und dem Unternehmen zu quetschen? Ich habe für mich eine Antwort auf diese Frage gefunden, aber zunächst möchte ich auf die Ergebnisse der oben genannten Studie eingehen.
Der erste Gedanke, der mir beim Lesen der Resultate kam:  Sind Schuldgefühle tatsächlich verlässliche trigger für positive Verhaltensänderung? Ich denke nicht. Wenn dem so wäre, dann würde ich regelmäßig ins Fitnessstudio gehen und endlich mal eine Diät durchhalten. Wenn Gewissensbisse des Einzelnen zu einer positiven Transformation der Gesellschaft beitragen würden, wären wir dann nicht längst auf einem sehr guten Weg? Denn ich glaube nicht, dass die meisten Menschen unter einen Mangel an schlechtem Gewissen leiden.
Stutzig wurde ich auch als ich las, dass das Ergebnis darauf beruht, dass die Probanden genau EINE 5,5-minütige Meditation vor der Befragung durchführten. Nur 9,5% der 147 Teilnehmer hatten vorher schon Achtsamkeit praktiziert. Kann man auf dieser Basis tatsächlich beurteilen, dass Achtsamkeit zu einer Schwächung der moralischen Urteilskraft führt? Ich bin davon nicht überzeugt.
Und last but not least habe ich mich gefragt was denn genau „Schwächung der moralischen Urteilskraft“ bedeutet. Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen. Bezogen auf ganz Deutschland behaupte ich, dass Fleischkonsum durchaus immer noch der gängigen Moral entspricht. Wann genau ist eine Handlung moralisch und wann nicht? Eine Frage, die sich meines Erachtens nicht pauschal beantworten lässt.

Mein Fazit

Wie habe ich die Frage für mich beantwortet, ob ich als Achtsamkeitstrainerin vielleicht auch dazu beitrage, dass Achtsamkeit als Methode zur Selbstoptimierung und Leistungssteigerung von Wirtschaft und Militär missbraucht wird? Für mich ist Achtsamkeit ein fortlaufender Prozess. Nur weil wir einmal meditiert haben macht das noch keinen achtsamen Menschen aus uns. Wir behaupten ja auch nicht Sportler zu sein, nur weil wir es einmal ins Fitnessstudio geschafft haben. Achtsam sein bedeutet auch nicht stundenlang reglos auf einem Kissen zu sitzen und Nabelschau zu betreiben. Achtsamkeit heißt, nicht immer unmittelbar und automatisch auf unsere Begierden und Ängste zu reagieren, sondern sich der Realität mit Offenheit, Toleranz, Geduld und Akzeptanz zuzuwenden – so gut es uns eben möglich ist. Das hat nichts mit Gleichgültigkeit oder passivem Gutheißen zu tun. So ist es möglich, nicht nur um die eigennützigen Interessen, Verluste und Aversionen zu kreisen, sondern den Blick fürs große Ganze zu öffnen.
Ich bin davon überzeugt, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung, dass die regelmäßige Praxis von Achtsamkeit unweigerlich zu einer Begegnung und Auseinandersetzung mit uns selbst und der Umwelt, in der wir leben, führt. Menschen, die ein Selbst-Bewusstsein entwickelt haben, sind in der Lage eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen und diese zu hinterfragen – eine wichtige Voraussetzung, um nachhaltige Einstellungs- und Verhaltensänderungen auszulösen.

Achtsamkeit ist mit Sicherheit kein Allheilmittel, das zu jedem Menschen passt und nebenbei die Welt rettet. Aber das soll und muss sie auch gar sein! Der Mensch verfügt über einen freien Willen, und somit liegt es zu guter Letzt in der Verantwortung jedes Einzelnen, ob und zu welchem Zweck er oder sie sich für das Praktizieren von Achtsamkeit entscheidet.

 

Quellen:
1 Gotlink RA, et al (April 2015): Standardised mindfulness-based interventions in healthcare: an overview of systematic reviews and meta-analysis of RCTs, PLoS One.
2Ott, Ulrich (2010): Meditation für Skeptiker, O.W. Barth.
Siegel, Dan (2014): Das achtsame Gehirn, Arbor.
3 Ausiàs Cebolla , Marcelo Demarzo, Patricia Martins, Joaquim Soler, Javier Garcia-Campayo (2017): Unwanted effects: Is there a negative side of meditation? A multicentre survey, PLoS One.
4Hofmann SG, Sawyer AT, Witt AA & Oh D (2010). The effect of mindfulness-based therapy on anxiety and depression: A meta-analytic review, Journal of Consulting and Clinical Psychology.
5Simon Schindler, Stefan Pfattheicher, Marc-André Reinhard (January 2019): Potential negative consequences of mindfulness in the moral domain, European Journal of Social Psychology